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Christian Morgenstern

 

 

     

Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in dem zu Zeiten der Ebbe ein jeder spazieren gehen kann.



 

Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des anderen, sei es in seine Heiterkeit oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand, so ist damit auch der feine besondere Reiz jenes Menschen geschwunden. Daher die vielen Enttäuschungen.

 


Die Güte eines Menschen erkennst du daran, wie er zu altern versteht und wie er sich im Alter darstellt.



 

Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich, um größer als diese zu bleiben

 

 

Wer sich überhebt, verrät, dass er noch nicht genug nachgedacht hat.

 

 

Der Weise verzichtet auf alles, worauf sich irgend verzichten lässt; denn er weiß, dass jedes Ding eine Wolke von Unfrieden um sich hat.

 


Alles Festlegen verarmt.



 

Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So groß ihre Mäuler auch sein mögen, sie verletzen die Pflanze nicht, entwurzeln sie niemals.

 


Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.



 

Ein wirklich eigener Gedanke ist so selten wie ein Goldstück im Rinnstein.

 


Denken ist zurechtlegen.

 

 

Über jedem Gedanken liegen Gedanken und Vorstellungen, die uns das jeweils Gedachte verhüllt.

 


Je mehr Bewegung im Geist aufgenommen wird,  je glücklicher ist der Mensch. Und bald hier bald dort die Bewegung ans Licht bringen, das schafft das meiste Glück.

 


Überall dem Selbstverständlichen zum Wort verhelfen - das ist ein großes Geheimnis.

     


Bearbeitung der Texte:

Laura Guizzy

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 Der Körper

ist der Übersetzer der Seele

ins Sichtbare.

 

 

 

 

 

Einander kennenlernen

heißt lernen

wie fremd man einander ist

 

 

 

 

 

Dichten ist immer die Wiedergabe von Erinnerung. Die Erinnerung aber ist selbst etwas Dichtendes, künstlerisch Zusammenfassendes und Auswählendes.

 

 

 

 

 

Die Sitte des In-den-April-Schickens  

ist bei uns lange nicht genug verbreitet und geübt.  

Der erste April  

müsste ein wahrer Festtag für die Nation werden...

 

 

 

 

 

Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung.  

Ein Buch ist chiffriertes Tasten. Lies es, taste daran  

und du wirst wiederbetastet werden,  

es wird sich die Erscheinung seines Verfassers auf und in die deine dechiffrieren, als telegrafierte es dir mit unsichtbaren Fingern durch die Stirn.

 

 

 

 

 

Ein Buch ist nicht etwas, was ein Mensch geschrieben hat,  sondern dieses Menschenmysterium selbst,  

ebenso wie das Musikstück, das ich heute Abend

von dem Nachbarhause herüberklingen hörte,  

kein Musikstück von Beethoven war,  

sondern das Mysterium Beethoven selbst.

 

 

 

 

Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am gründlichsten vergessen und am seltensten getan.

 

 

 

 

Manchem Menschen würden  

Weihnachtskataloge,  

Zeitungsannoncen,  

und zu  

Mundwasser,  

Seife,  

Thermosflaschen,  

Petroleumöfen usw.  

beigepackte Erklärungen und Referate  

für lebenslängliche Lektüre  

völlig genügen.

 

 

 

 

Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verhältnisse zu schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die sich fortwährend im Zustande der Mutterschaft befindet?

 

 

 

 

Gestorbenes Wort: Zufall.

 

 

 

 

Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.

 

 

 

 

Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur.  

Man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche setzen; denn es ist überkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

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